Meinungen

Kisslers Kultur-Kolumne Die Gnadenlosen
Mixa, Marx und die verlorene Hoffnung

Der Fall Mixa wird zur Schlammschlacht. Vermutlich wird sich nie ganz klären lassen, welche Vorwürfe gegen den ehemaligen Augsburger Bischof wahr sind und welche von interessierten Kreisen erfunden wurden. Der Fall ist aber auch ein Lehrstück vom Ruin einer urchristlichen Tugend: der Gnade.

Die Gnadenlosen
Datum: 2010-06-22

Lange ist es her, dass das Christentum in die Welt trat. Es begann als eine innerjüdische Bewegung ganz sonderbarer Menschen. Nicht die Reichsten, Schönsten, Klügsten  hatten sich da versammelt, sondern jene, die von einer ganz unglaublichen Hoffnung beseelt waren: Ein Mensch aus ihrer Mitte sei gestorben und auferstanden, ein Mensch, der Mensch war und Gott zugleich und der ihnen Anteil versprach an seiner ewigen Seligkeit. Diese Hoffnung machte die ersten Christen ganz unverschämt froh. Sie stritten wie andere Menschen auch, sie sündigten und logen. Die Betriebstemperatur ihres Umgangs aber hatte sich radikal geändert. Sie wussten, Sünde und Lüge müssen Ausnahmen bleiben. Sie wussten, dass sie auf Umkehr angewiesen waren und dass sie tatsächlich jeden Tag neu anfangen, neu umkehren durften. Täglich wandten sie sich zerknirscht an den, der ihnen vorausgegangen war und der ihnen das ewige Glück fest versprochen hatte. Aus Gnade.

Christus ist die Quelle der Gnade

Noch heute bildet die Gnade den Kern aller christlichen Hoffnung. Die Gnade ist der zentrale christliche Beitrag zur Kultur des Abendlandes. Christus wird Thron der Gnade genannt, Quelle der Gnade und Weisheit, seine Mutter die Gnadenvolle, Maria gratia plena. Der christliche Gott gilt als gerechter und gnädiger und genau deshalb barmherziger Gott. Bei ihm zählt das rechte Wollen, nicht nur das rechte Tun, bei ihm darf die Kirche der Sünder sich als Ort der Gnade fühlen. Denn unverdient sei das Geschenk der dauernden Güte, das Christus versprochen hat und das er nicht bedingungslos, aber überreich gewähren will. “Alle Fähigkeiten des menschlichen Seins”, sagte in der zurückliegenden Woche Papst Benedikt XVI., “werden durch die göttliche Gnade gereinigt, verwandelt und erhoben.”

Deshalb spürten alle, die damals von der Gnade Christi froh und gerecht gemacht wurden: Wir müssen miteinander gnädig umgehen. Wir müssen manchmal Gnade vor Recht ergehen lassen, müssen die Sünde hassen, den Sünder aber lieben. Wir müssen verzeihende Menschen werden, eben weil wir so fest und froh hoffen, dass am Ende der Tage auch uns verziehen werden wird. Heute ist bekanntlich vom Ende der Tage kaum die Rede, deuten Christen selbst den Anfang des Christentums als fromme Legende, ist zuweilen nicht das Verzeihen, sondern die Gnadenlosigkeit ein christliches Wesensmerkmal. Darauf deuten, neben anderem, die schrillen Volten im sogenannten “Fall Mixa”.

Vermutlich niemals wird sich das stachelige Knäuel entwirren lassen. Was der ehemalige Augsburger Bischof wann zu wem gesagt, was er mit wem getan hat, werden wir wohl nie erfahren. Gewiss ist einstweilen nur: Walter Mixa ist, theologisch gesehen, ein Sünder wie wir alle. Seinen Platz hat er neben all den anderen Sündern, die an Christus glauben, auf seine Gnade bauen und gerade so seine Kirche bilden. Die Nagelprobe auf die Christlichkeit der Kirche lautet nun nicht: Wer ist ein kleinerer Sünder als Walter Mixa und darf deshalb das Wort erheben? Die Nagelprobe kann nur lauten: Wie kann dem, der fällt, geholfen werden? Was ist zu tun, damit der Sünder nicht am Fall zerbricht und die anderen nicht an ihrer Gnadenlosigkeit zugrunde gehen? Denn der Sünder von heute und die Sündigenden von morgen bleiben durch das Band der Gnade verbunden.

Gnadenloser Marx

In diesem Sinne ist es unchristlich, wenn Christen, Bischöfe zumal, sich öffentlich in Gnadenlosigkeit überbieten – wie es unter Journalisten leider lange schon Brauch ist. Weder sollte der stolpernde, halb fallende und halb gestoßene Mixa öffentlich nach tatsächlichen oder vermeintlichen Brudermördern fahnden, noch sollte ein Münchner Erzbischof zynisch verkünden lassen: Der Mensch, der Christ, der Bischof Mixa sei in einer psychiatrischen Klinik bestens aufgehoben; man wünsche ihm gute Besserung, das sei ein “erster wichtiger Schritt”. Wer so redet oder reden lässt, der gibt zu verstehen, dass er alle Hoffnung schon hat fahren lassen – die Hoffnung auf einen gnädigen Gott, auf ein gnädiges Ende des eigenen Lebens wie der ganzen Welt, die Hoffnung auch auf Christus als den Barmherzigen. Bischof Reinhard Marx wird künftig kaum beanspruchen können, dass man ihm ganz glaubt, wenn er von der begnadeten Maria oder der göttlichen Gnade predigt. Er hat sich vorerst selbst in einen Gnadenlosen verwandelt.

Darin liegt das Traurige dieses Falles, der ein Fallen ist nach allen Seiten hin: Christen, selbst in leitender Stellung, geben zu verstehen, dass der innere Kern des Christentums ihnen praktisch unbekannt ist. Dass sie den Hoffnungskern nicht mehr in sich spüren, der vor zweitausend Jahren in die Welt kam. Dass sie nichts wissen von der Gottferne alles Gnadenlosen.

von Alexander Kissler – 22.06.2010

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Zwei Applause und ein Windhauch
Von Prof. Dr. Mauro Gagliardi

ROM, 15. Juni 2010 (ZENIT.org).- Das Priesterjahr ist ein wichtiges und an geistlichen und pastoralen Auswirkungen reiches Ereignis gewesen. Es wurde würdig von
Papst Benedikt XVI., der dieses Jahr wollte, mit einer heiligen Messe auf dem Petersplatz abgeschlossen, bei der eine sehr große Zahl von Priestern aus der ganzen Welt konzelebrierte. Zahlreiche Aspekte können bei einer Feier von dieser Tragweite hervorgehoben werden, würde man sich auch allein auf den Text der Predigt beziehen. Wir wollen zwei dieser Aspekte betonen.

Zwei Applause

Der erste Aspekt betrifft die beiden Momente, bei denen es während der Predigt des Papstes zu spontanem Applaus seitens der Priester kam. Ein erster Applaus ging durch die Reihen, als Benedikt XVI. die sexuellen Missbräuche durch Kleriker andeutete, Missbräuche, auf die sich die laute Aufmerksamkeit gerade in diesem Jahr konzentrierte: der Papst sagte: "Es war zu erwarten, dass dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, dass gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden". Der Applaus hob an, als der Papst das Wort "Feind" aussprach.

Zu einem zweiten spontanen Applaus kam es in dem Augenblick, als der Papst über das biblische Bild von Stab und Stock des Hirten mit diesen Worten nachdachte: "Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. (...) Auch die Kirche muss den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, dass es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern lässt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen". Bemerkenswerterweise hob der Applaus nicht an, als der Heilige Vater sagte, dass die Vertuschung von Missbräuchen durch den Klerus kein Akt der Nächstenliebe ist - worüber es natürlich keinen Zweifel gibt -, sondern als der das Wort "Irrlehre" aussprach.

Ja: das sind die beiden Worte, die in weiten Teilen der zeitgenössischen Theologie verboten sind: "Feind" in Bezug auf den Teufel und "Irrlehre" - und die bei den Priestern auf dem Petersplatz Applaus hervorgerufen haben. Das ist ein wichtiges Zeichen; ein Zeichen der Zeit, das wir aufnehmen müssen. Die Priester erkennen sich zutiefst in diesen Worten des Papstes. Sie wissen, dass es den Feind Christi und der Kirche gibt und dass er gegen die Kirche und ihre heiligen Diener wirkt. Die Priester wissen, dass man ohne Wahrheit nicht weiterkommt, dass das Handeln der Kirche nicht auf einer pragmatischen, politischen und diplomatischen Grundlage steht, sondern eine Folge der Kontemplation sein muss. Obwohl sich heutzutage ein gewisser Aktivismus verbreitet hat, bemerken die Priester (auch wenn sie selbst dessen Opfer sind), dass dieser ein Übel ist, das es zu heilen gilt. Vor aller Tätigkeit steht die Wahrheit. Aus diesem Grund muss ein jeder Hirte - welchen Grades auch immer die ihm anvertraute Verantwortung sei - mit dem Stock der Wahrheit weiden und darf es nie unter dem Vorwand einer schlecht verstandenen "Toleranz" zulassen, dass sich der Irrtum des Glaubens, die Irrlehre, breit macht. Jeder Hirte muss also ein "defensor fidei" sein - die Priester wissen das, deshalb finden sie sich in den Worten und im Beispiel Benedikts XVI. wieder...

Der Windhauch

Ein zweites Zeichen: der Windhauch. Am Ende der Heiligen Messe weihte der Heilige Vater alle Priester dem Unbefleckten Herzen Mariens. Im Text wird unter anderem dafür gebetet, dass der Vater und Jesus über uns erneut den Heiligen Geist ausgießen. Kurz darauf - der Papst war dabei, das Gebet zu beenden - wehte der Wind über den Petersplatz und trug seine Kopfbedeckung fort. Wahrscheinlich handelte es sich um einen reinen Zufall. Trotzdem ist es suggestiv, das Geschehnis mit den Augen des Glaubens zu lesen: Der Wind, um den der Stellvertreter Christi auf Erden gebeten hat, hat schon begonnen zu wehen und als ersten die Person des Papstes getroffen. So ist es zu wünschen, dass dieses Priesterjahr wirklich zu einer großen Erneuerung der Priester und Bischöfe der ganzen Welt führe. Auch wenn sich die Kirche nicht allein aus geweihten Dienern zusammensetzt, ist es dennoch gewiss, dass allein die Heiligkeit der Hirten ein hohes Niveau des Lebens in Heiligkeit des ganzen Volkes Gottes gewährleistet. Das von Benedikt XVI. erbetene Wehen des Geistes möge also zutiefst die Herzen der Priester erneuern und jeden "Schmutz" mit sich fortreißen und ihren apostolischen Eifer und ihren Wunsch vervielfachen, sich durch den Dienst an Christus und an der Kirche zu heiligen
 

[Mauro Gagliardi ist Professor für Dogmatik am Päpstlichen Athenäum "Regina Apostolorum" in Rom und Konsultor des Amtes für die Liturgischen Feiern des Papstes].